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Bettina Wittemeier
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Nachrichten aus Bielefeld

Der 9. November 2019

Gedenken und Schande

Ausgerechnet am Gedenktag der Reichspogromnacht hatte die Partei „Die Rechte NRW“ zu einer Solidaritätskundgebung für die in Bielefeld inhaftierte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck aufgerufen. Dem stellte sich das Bündnis gegen Rechts mit mehreren Demos, einer Mahnwache vor der jüdischen Synagoge und einer Menschenkette entgegen. 14.000 Bürger traten den Nazis lautstark und friedlich entgegen.

Wir waren mit mehreren Reportern im Stadtgebiet unterwegs. Hier könnt ihr euch durch unsere Bilder und Infos klicken.

 


Die Fotos vom Tag


Der Tag im Zeitraffer

*** 19:15 *** Busse und Bahnen fahren so langsam wieder nach Fahrplan. ***

*** 17:46 *** Im Gegensatz zu den lauten Protesten gegen die Nazis herrscht bei der Gedenkveranstaltung an der ehemaligen Bielefelder Synagoge eine andächtige Stille. Gut 1.000 Bielefelder sind dabei. Mit einem Schweigemarsch geht es von hier weiter ins Rathaus. Die Nazis haben Bielefeld unterdessen verlassen. ***

*** 17:31 *** Die Polizei korrigiert die Zahl der Gegendemonstranten nach oben. 14.000 Bürger positionierten sich gegen die Nazis. ***

*** 17:14 *** Die Veranstaltung der Partei „Die Rechte“ wurde beendet. Jetzt beginnt die Abreise der Nazis am Hauptbahnhof. ***

*** 17:03 *** Viele Bielefelder kommen jetzt zur Gedenkveranstaltung am Mahnmal der ehemaligen jüdischen Synagoge in der Turnerstraße. Heute auf den Tag genau vor 81 Jahren wurde sie in der Reichspogromnacht von den Nazis angezündet und zerstört. ***

*** 16:29 *** Die Kundgebung der Nazis am Landgericht ist endlich beendet. Jetzt geht es hoffentlich schnell zurück zum Bahnhof. ***

*** 15:50 *** Ersten Schätzungen der Polizei nach sind 10.000 Gegendemonstranten unterwegs. DANKE BIELEFELD! ***

*** 15:29 *** Die Nazikundgebung dauert an. Der Gegenprotest wird immer Lauter. "Haut ab" und "Nazis raus" Rufe schallen  rund um das Landgericht. ***

*** 15:10 *** Der Zug der Nazis kommt am Landgericht an. Die Gegendemonstranten sind schon zahlreich, bunt und laut vor Ort. ***

*** 14:47 *** An der Arthur Ladebeckstraße 6 beschützen Bielefelder die Stolpersteine der Familie Mosberg, die von den Nazis verfolgt und umgebracht wurde. Der Demozug der Rechten marschiert vorbei und stoppt vor der Kunsthalle ***

*** 14:30 *** Der Zug der Nazis kommt an der IHK vorbei. Die Polizei leitet ihn um eine Sitzblockade der Gegendemonstranten. ***

*** 13:50 *** An der OWD Unterführung Jöllenbecker Straße bringen sich die Gegendemonstranten in Stellung. Von beiden Seiten wird es, sobald die Nazis über die Mindener Straße ziehen, ohrenbetäubend lauten Protest geben. ***

***13:22 *** Der Durchgang am Stolander wird wieder freigegeben. ***

*** 12:51 *** Der einzige Durchgang durch die Sperrzone unter dem OWD am Stolander wurde von der Polizei geschlossen. Die Lage habe das notwendig gemacht, heißt es. ***

*** 12:21 *** Vor dem Bahnhof sind tausende Gegendemonstranten. Und in der Luft immer mal wieder ein Polizeihubschrauber ***

*** 11:44 *** Die ersten Aktionen beginnen. Vor dem Bahnhof versammeln sich die Teilnehmer der Kundgebung gegen Faschismus. Die Stimmung ist still und bedrückend. ***


 

Drei Demonstrationszüge führten von Siegfriedplatz, Stadtwerken und Hauptbahnhof zur zentralen Kundgebung auf der Kreuzung Detmolder Straße/ Niederwall. Rund um das Landgericht positionierten sich tausende Gegendemonstranten. Die Polizei trennte die Gruppen mit großer Präsenz und Absperrungen – ein Kompromiss nach den Kooperationsgesprächen mit der Polizei, die den direkten Kontakt beider Gruppen vermeiden wollte. Ab dem Mittag gab es in der Bielefelder City etliche Sperrungen und Beeinträchtigungen. Auf Seiten der Rechten weurden 230 Teilnehmer gezählt. Sie kamen voraussichtlich aus dem ganzen Bundesgebiet nach Bielefeld.

Ihnen gegenüber standen nach offiziellen Angaben 14.000 Bürger, die sich für ein buntes und weltoffenes Bielefeld einsetzten.

 

Auch auf allen StadtBahn-Linien und den Bus-Linien in der Innenstadt kam es zu massiven Beeinträchtigungen. Der Fahrplan der Verkehrsbetriebe wurde zwischen 12 Uhr und ca. 17 Uhr außer Kraft gesetzt.


Das Fazit der Polizei

Die Bielefelder Polizei vermeldete noch am Abend eine Abschlussbilanz der insgesamt 14 Veranstaltungen.

Der Mitteilung nach gab es Beschwerden über Redeinhalte einzelner Redner der Partei "Die Rechte". Die Polizei gehe den Hinweisen jetzt nach und prüfe, ob strafbare Inhalte vorliegen.

Am Nachmittag versuchten außerdem etwa 50 Gegendemonstranten eine Sperrung der Polizei zu durchbrechen. Die Polizei setzte Pfefferspray ein und nahm sechs Personen in Gewahrsam. 

In Höhe der Kunsthalle wurde zudem die Absperrung der Polizei überwunden und erfolglos versucht, sich eine Fahne der Partei "Die Rechte NRW" anzueignen. 

Insgesamt wurden 11 Personen in Gewahrsam genommen. Es wurden 14 Strafverfahren eingeleitet. Unter anderem wegen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot. 

Die Polizei zeigt sich mit dem friedlichen Verlauf der angemeldeten Versammlungen zufrieden. Das Konzept der Polizei, ein Aufeinandertreffen gegnerischer Gruppierunge zu verhindern, um einen störungsfreien Verlauf der Versammlungen zur gewährleisten, sei aufgegangen, heißt es in der Bilanz.


Die weiteren Reaktionen

NRW-Innenminister Reul hat die Entscheidung der Bielefelder Polizei kritisiert, nicht alle Rechtsmittel auszuschöpfen, um die Neonazi-Demonstration am 9. November zu verhindern. Er hätte es deshalb begrüßt, wenn sie Beschwerde gegen die erstinstanzliche Entscheidung eingelegt hätte. Es sei für ihn aber eine Provokation ohnegleichen, wenn die Partei "Die Rechte" an diesem Tag einen Aufmarsch zu Ehren einer Holocaustleugnerin plane. Damit widerholte der Innenminister sehr spät das, was viele Bielefelder seit Wochen gedacht und gesagt haben. 
Polizeipräsidentin Katharina Giere sagte im Vorfeld, sie begrüße den angekündigten friedlichen Protest an diesem bedeutungsvollen Tag ausdrücklich. Dabei positioniere sich die Polizei Bielefeld deutlich gegen jede Form von Extremismus.

Die Beeinträchtigungen bekamen auch die Einzelhändler in der Altstadt und der Bahnhofstraße zu spüren. Die Kaufleute veröffentlichten in mehreren Aktionen ihre Ablehnung gegen Faschismus, Rassismus und Extremismus. Gemeinsam wiesen sie ausdrücklich darauf hin, dass ihre Geschäfte trotz der Ereignisse zum Shoppen und Genießen einladen. Die City füllte sich dennoch nicht, wie sonst an Samstagen üblich.

Auch das Bielefelder Stadttheater ließ trotz der Demos am Samstag die Premiere des Familienstücks „Der Zauberer von Oz“ um 17 Uhr stattfinden.